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Jeden Heiligabend bereitete meine Mutter ein üppiges Essen zu: Kartoffelpüree, dampfend heißes Gemüse und noch warmes Maisbrot. Und egal, was in unserem Leben geschah, sie stellte immer einen zweiten Teller beiseite. Der war für einen Obdachlosen namens Mathis, der seit Jahren im Waschsalon der Nachbarschaft schlief. Immer am selben Platz. Unauffällig. Eingehüllt in eine Decke, die viel zu dünn für den Winter war. Meine Mutter vernachlässigte ihn nie. Jedes Weihnachten sorgte sie dafür, dass er genug zu essen hatte. Als Teenager verdrehte ich die Augen. Ich verstand diese Güte nicht, die uns nichts brachte. Dann wurde meine Mutter krank. Der Krebs kümmerte sich nicht um ihre Güte. Sie starb im Oktober. Im Dezember kämpfte ich nur noch ums Überleben, nicht mehr ums Leben. Am Heiligabend, allein in ihrer Küche, hörte ich ihre Stimme in meinem Kopf: „Mathis braucht etwas Seelenfutter zu Weihnachten. Das ist unsere Tradition.“ Also kochte ich. Ich packte alles genauso ein, wie sie es getan hätte. Und ich ging zum Waschsalon. Dort sah ich ihn. Mathis stand da. Im Anzug. In der Hand einen Strauß weißer Lilien. Als er mich ansah, sagte er mit zitternder Stimme: „Deine Mutter hat dir etwas verheimlicht … und sie hat mich gebeten, damit zu warten.“ Ich war nicht bereit für das, was ich gleich erfahren würde. ⬇️ Teil 2 im ersten Kommentar.

Manche Traditionen sind ganz anders als die, die man auf Weihnachtskarten findet. Sie sind unauffällig, unvollkommen, fast unsichtbar … aber…

April 14, 2026