Die 22-Jährige wurde von ihrer Stiefmutter gezwungen, mit einem ihrer Geschäftspartner zu schlafen, und flüchtete verzweifelt in das Auto eines Fremden… doch dieser schicksalhafte Moment sollte ihr Leben für immer verändern.
Im Inneren des Wagens lag der Duft von poliertem Leder, Zedernholz, teurem Kölnischwasser und einer sterilen Sauberkeit in der Luft, die sich nach dem Albtraum, dem Elena gerade entkommen war, fast unwirklich anfühlte.
Hinter den getönten Scheiben verschwamm die Welt zu grauen und schwarzen Streifen. Unaufhörlich prasselte der Regen gegen das Stahlglas, als wolle der Sturm selbst eindringen.
Im Inneren des Fahrzeugs gab es nur zwei Dinge: das tiefe, kraftvolle Schnurren des Zwölfzylindermotors und die einschüchternde Präsenz des Mannes, der neben ihr saß.
Matthew Carranza wandte sich ihr nicht zu. Sein Blick blieb starr auf die Straße gerichtet, sein Profil zeichnete sich im schwachen blauen Licht des Armaturenbretts ab. Alles an ihm wirkte wie aus einem unnachgiebigen Holz geschnitzt – sein markantes Kinn, das vom Regen dunkle, zurückgekämmte Haar und die Augen, die die kalte Autorität eines Mannes ausstrahlten, der es gewohnt war, Imperien zu beherrschen.
Wortlos nahm er ein schlankes schwarzes Satellitentelefon. Er wählte keine Nummer. Ein Druck auf die Kurzwahltaste genügte.
„Marcus“, sagte Matthew mit tiefer, aber bedrückender Stimme, die die Luft im Auto spürbar stickiger machte. „Route 9 und Blackwood Lane. Eine Frau steht auf der Straße. Patricia Salgado. Sie hält einen Ledergürtel. Bringen Sie sie von dort weg. Falls sie die Polizei ruft, erinnern Sie sie an die bevorstehende Prüfung ihrer Logistikfirma. Falls sie Becerra kontaktiert, sagen Sie ihm, er habe 24 Stunden Zeit, sein Vermögen zu liquidieren, bevor ich ihn liquidiere.“
Elena stockte der Atem. Sie zog die Knie enger an sich, ihre nackten Füße drückten sich in den makellosen Ledersitz.
Er kannte sie.
Der Gedanke traf sie mit erschreckender Wucht. Sie war nicht in das Auto eines Fremden gestiegen. Sie war in die Welt eines Mannes eingetreten, der über ihre Peiniger sprach, als wären sie unbedeutende Probleme, die man einfach aus dem Weg räumen wollte.
Matthew beendete das Gespräch mit einer schnellen Daumenbewegung. Erst dann sah er sie an.
Sein dunkler Blick glitt mit scharfer Präzision über sie und erfasste jedes Detail – den durchnässten, zerfetzten Stoff ihres billigen Kleides, den Schlamm, der ihre Beine verschmierte, und den tiefvioletten Bluterguss, der sich über ihren Wangenknochen ausbreitete.
Etwas Gefährliches blitzte in seinen Augen auf. Es war kein Mitleid. Es war kälter. Älter. Wütender.
„Wer bist du?“, fragte er.
„Elena“, flüsterte sie mit brüchiger Stimme. „Elena Vargas.“
„Elena“, wiederholte er langsam, als ob er den Namen abwog. „Arthur Vargas’ Tochter.“
Es war keine Frage.
Elena zitterte und nickte. Ihr Vater war zwei Jahre zuvor gestorben und hatte seine bescheidene Reederei seiner zweiten Frau, Patricia, hinterlassen. Von diesem Moment an wurde Elena nicht mehr wie eine Tochter behandelt. Sie war zu einer Gefangenen, einem Spielball geworden, etwas, das Patricia benutzen konnte, um ihre immer weiter wachsenden Spielschulden zu begleichen.
Heute Abend hatte Patricia Oscar Becerra als Käufer auserkoren – einen wohlhabenden, berüchtigten Mann mit einem grausamen Ruf.
„Ich wollte das nicht“, sagte Elena mit erstickter Stimme, als ihr endlich die Tränen durch die Betäubung brachen. Sie brannten auf ihrer verletzten Haut. „Sie hat mich im Zimmer eingesperrt. Sie sagte, wenn ich ihm nicht gefalle, würde sie das Haus meines Vaters verkaufen. Sie hat mich geschlagen. Also bin ich gerannt. Ich bin einfach gerannt.“
Matthew sah zu, wie sie innerlich zerbrach. Er fand keine tröstenden Worte. Er tröstete sie nicht.
Stattdessen griff er in seinen Mantel, zog eine dicke Wolldecke heraus und warf sie ihr auf den Schoß.
„Trockne dich ab“, sagte er kühl. „Es ist eine lange Fahrt, und ich dulde kein Blut oder Tränen auf meinen Polstermöbeln.“
Die Worte waren hart, aber die Decke war warm.
Elena schlang den Wollpullover fest um ihre zitternden Schultern und vergrub ihr Gesicht darin. Der Wagen glitt lautlos und sanft durch den Regen und verschlang die Straße, während Seattle hinter ihnen in einem Nebel ferner Lichter verschwand.
Das Heiligtum des Teufels
Zwei Stunden später durchfuhr der Wagen riesige, sich von selbst öffnende Eisentore. Er fuhr eine private, an einer Klippe entlangführende Straße hinauf, gesäumt von hohen Kiefern, die im Sturm schwankten.
Ganz oben thronte ein massives, modernes Anwesen aus Glas, Stahl und dunklem Stein, das den Blick auf die unruhigen, schwarzen Gewässer des Puget Sound freigab.
Das Auto hielt unter einem überdachten Eingang. Ein großer, schweigsamer Fahrer in einem dunklen Anzug öffnete sofort Matthews Tür und hielt ihm einen Regenschirm hin.
Matthew ging hinaus, ohne auf Elena zu warten.
