Die 24-Jährige war von ihrer Stiefmutter gezwungen worden, mit einem ihrer Geschäftspartner in einem Schlafzimmer zu schlafen. Voller Angst floh sie und stieg in das Auto eines Fremden … ohne zu ahnen, dass diese verzweifelte Entscheidung ihr Leben für immer verändern würde. Sie hatte keine Ahnung, wessen Tür sie geöffnet hatte. „Hat sie jemand gefunden?“ „Nein, Ma’am. Ich glaube, sie ist zur Nebenstraße gerannt.“ In dieser Nacht fiel der Regen nicht einfach. Er prasselte auf die Erde, als ob der Himmel selbst erzürnt wäre. Elena Vargas stolperte aus dem matschigen Pfad hinter dem Herrenhaus. Ihre nackten Füße waren aufgeschnitten, ihre Knöchel zerkratzt, und ihr zerrissenes silbernes Kleid klebte an ihrem zitternden Körper. Nasses Haar klebte an ihren Wangen. Ein dunkler Bluterguss pulsierte über ihr Gesicht, die Markierung des Rings an der Hand ihrer Stiefmutter. Sie rannte nicht in Sicherheit. Sie rannte, denn der Albtraum in diesem Haus barg noch immer Stimmen, Reichtum, Macht und Männer, die nach ihr suchten. Hinter ihr durchschnitt eine Taschenlampe den Wald. Elena stockte der Atem. Jemand rief ihren Namen. Nicht besorgt. Besessen. „Elena! Komm zurück, bevor du alles noch schlimmer machst!“ Ihre Stiefmutter, Isabel Vargas, schrie nur so, wenn sie die Kontrolle verlor. Und heute Abend hatte Elena Isabels größtes Vorhaben zunichtegemacht. Weil Elena sich weigerte, als Bezahlung zu dienen. Eine Stunde zuvor hatte Isabel vor den Gästen süß gelächelt, Elenas Halskette mit kalten Fingern gerichtet und geflüstert, dass Mr. Ambrose reich, großzügig und mächtig genug sei, um das Familienunternehmen zu retten. Dann stieß sie Elena in ein Schlafzimmer im Obergeschoss, schloss die Tür von außen ab und ließ sie mit einem Mann allein, der alt genug war, ihr Großvater zu sein. Als Elena sich wehrte, schlug Isabel sie so heftig, dass sich der Raum drehte. Als Elena weinte, sagte Isabel, Schweigen klänge dankbarer. Und als der alte Mann nach dem Weinglas neben dem Bett griff, sah Elena das Badezimmerfenster. Sie dachte nicht nach. Sie rannte los. Der Sturm verschluckte ihr Schluchzen, als sie auf die leere Straße taumelte. Plötzlich tauchten Scheinwerfer durch den Regen auf. Ein schwarzes Auto kam aus der Dunkelheit, schnell und leise, die Reifen schnitten durch die überflutete Straße. Elena trat auf die Straße und hob beide Hände. „Bitte … halt an … bitte …“ Die Bremsen quietschten. Das Auto riss das Lenkrad herum und kam so nah zum Stehen, dass die Wärme der Motorhaube ihre Knie streifte. Eine schreckliche Sekunde lang rührte sich niemand. Dann stürmte Elena zum Beifahrerfenster und hämmerte gegen die Scheibe. „Helft mir! Bitte! Lasst mich nicht hier!“ Im Auto blickte Matthew Carranza vom schwach beleuchteten Rücksitz auf. Er war kein Mann, der Chaos in sein Leben ließ. Er war der Typ Mann, auf den die Leute warteten, den sie fürchteten und dem sie gehorchten. Sein maßgeschneiderter Anzug war makellos trocken. Sein Gesichtsausdruck verriet nichts. Sein Handy leuchtete noch in seiner Hand vom gerade beendeten Anruf. Doch die durchnässte junge Frau draußen wirkte nicht wie eine Falle. Sie sah aus, als nutze sie ihr letztes Wunder. Matthews Blick wanderte von dem blauen Fleck auf ihrer Wange zu ihren nackten Füßen, dann zur dunklen Straße hinter ihr, wo der Scheinwerfer der Taschenlampe näher kam. Seine Stimme war leise. „Mach die Tür auf.“ Der Fahrer zögerte nur kurz, bevor er sie aufschloss. Elena kletterte auf den Rücksitz, ohne dass man sie nach ihrem Namen fragte. Warmes Leder, teures Parfüm und stiller Luxus umgaben sie wie eine andere Welt. Sie krümmte sich in die Ecke und klapperte heftig mit den Zähnen. Das Auto fuhr los. Erst als die Lichter der Villa hinter dem Regen verschwunden waren, atmete sie endlich auf. „Sie können mich nicht finden“, flüsterte sie und klammerte sich an ihr zerrissenes Kleid. „Wenn sie mich zurückbringen, wird sie mich vernichten.“ Matthew zog seinen Mantel aus und legte ihn ihr um die Schultern. Seine Finger streiften seinen Arm, und sein Kiefer verkrampfte sich, als er spürte, wie kalt sie war. „Wer wird dich vernichten?“ Elena schloss die Augen, doch Tränen rannen ihr trotzdem über die Wangen. „Meine Stiefmutter. Heute Abend hat sie versucht, mich einem ihrer Geschäftspartner zu geben. Sie sagte, ich stünde in ihrer Schuld. Sie sagte, nach all dem, was sie für meine Erziehung getan hat, sei mein Körper das Einzige, was mir noch geblieben sei.“ Es wurde still im Auto. Selbst der Fahrer umklammerte das Lenkrad fester. Elena schluckte schwer. „Als ich mich weigerte, schlug sie mich. Dann sperrte sie ihn mit mir ins Zimmer. Ich bin durchs Badezimmerfenster geflohen. Ich habe mein Handy nicht. Ich habe keine Schuhe. Ich weiß nicht einmal, wo ich bin.“ Matthew beobachtete sie lange. Etwas Gefährliches huschte hinter seinen ruhigen Augen. Draußen zuckten Blitze am Himmel. Im Seitenspiegel tauchte ein weiterer Geländewagen von derselben unbefestigten Straße auf und raste hinter ihnen her. Elena sah ihn. Ihr Körper erstarrte. „Das sind sie“, flüsterte sie. Die Scheinwerfer des Geländewagens wurden heller. Matthew beugte sich vor und sprach mit dem Fahrer in einem so beherrschten Ton, dass er eher Furcht als Wut ausstrahlte. „Fahren Sie nicht auf die Hauptstraße.“ Dann sah er Elena an. „Steigen Sie ein.“ Sie sank tiefer in den Sitz und presste ihren Mantel an die Brust. Doch dann fiel ihr Blick auf ein Detail, das ihr einen Schauer über den Rücken jagte. Auf Matthews Handybildschirm, kurz bevor er schwarz wurde, sah sie den Namen der Frau.

Im Inneren des Wagens lag der Duft von poliertem Leder, Zedernholz, teurem Kölnischwasser und einer sterilen Sauberkeit in der Luft, die sich nach dem Albtraum, dem Elena gerade entkommen war, fast unwirklich anfühlte.

Hinter den getönten Scheiben verschwamm die Welt zu grauen und schwarzen Streifen. Unaufhörlich prasselte der Regen gegen das Stahlglas, als wolle der Sturm selbst eindringen.

Im Inneren des Fahrzeugs gab es nur zwei Dinge: das tiefe, kraftvolle Schnurren des Zwölfzylindermotors und die einschüchternde Präsenz des Mannes, der neben ihr saß.

Matthew Carranza wandte sich ihr nicht zu. Sein Blick blieb starr auf die Straße gerichtet, sein Profil zeichnete sich im schwachen blauen Licht des Armaturenbretts ab. Alles an ihm wirkte wie aus einem unnachgiebigen Holz geschnitzt – sein markantes Kinn, das vom Regen dunkle, zurückgekämmte Haar und die Augen, die die kalte Autorität eines Mannes ausstrahlten, der es gewohnt war, Imperien zu beherrschen.

Wortlos nahm er ein schlankes schwarzes Satellitentelefon. Er wählte keine Nummer. Ein Druck auf die Kurzwahltaste genügte.

„Marcus“, sagte Matthew mit tiefer, aber bedrückender Stimme, die die Luft im Auto spürbar stickiger machte. „Route 9 und Blackwood Lane. Eine Frau steht auf der Straße. Patricia Salgado. Sie hält einen Ledergürtel. Bringen Sie sie von dort weg. Falls sie die Polizei ruft, erinnern Sie sie an die bevorstehende Prüfung ihrer Logistikfirma. Falls sie Becerra kontaktiert, sagen Sie ihm, er habe 24 Stunden Zeit, sein Vermögen zu liquidieren, bevor ich ihn liquidiere.“

Elena stockte der Atem. Sie zog die Knie enger an sich, ihre nackten Füße drückten sich in den makellosen Ledersitz.

Er kannte sie.

Der Gedanke traf sie mit erschreckender Wucht. Sie war nicht in das Auto eines Fremden gestiegen. Sie war in die Welt eines Mannes eingetreten, der über ihre Peiniger sprach, als wären sie unbedeutende Probleme, die man einfach aus dem Weg räumen wollte.

Matthew beendete das Gespräch mit einer schnellen Daumenbewegung. Erst dann sah er sie an.

Sein dunkler Blick glitt mit scharfer Präzision über sie und erfasste jedes Detail – den durchnässten, zerfetzten Stoff ihres billigen Kleides, den Schlamm, der ihre Beine verschmierte, und den tiefvioletten Bluterguss, der sich über ihren Wangenknochen ausbreitete.

Etwas Gefährliches blitzte in seinen Augen auf. Es war kein Mitleid. Es war kälter. Älter. Wütender.

„Wer bist du?“, fragte er.

„Elena“, flüsterte sie mit brüchiger Stimme. „Elena Vargas.“

„Elena“, wiederholte er langsam, als ob er den Namen abwog. „Arthur Vargas’ Tochter.“

Es war keine Frage.

Elena zitterte und nickte. Ihr Vater war zwei Jahre zuvor gestorben und hatte seine bescheidene Reederei seiner zweiten Frau, Patricia, hinterlassen. Von diesem Moment an wurde Elena nicht mehr wie eine Tochter behandelt. Sie war zu einer Gefangenen, einem Spielball geworden, etwas, das Patricia benutzen konnte, um ihre immer weiter wachsenden Spielschulden zu begleichen.

Heute Abend hatte Patricia Oscar Becerra als Käufer auserkoren – einen wohlhabenden, berüchtigten Mann mit einem grausamen Ruf.

„Ich wollte das nicht“, sagte Elena mit erstickter Stimme, als ihr endlich die Tränen durch die Betäubung brachen. Sie brannten auf ihrer verletzten Haut. „Sie hat mich im Zimmer eingesperrt. Sie sagte, wenn ich ihm nicht gefalle, würde sie das Haus meines Vaters verkaufen. Sie hat mich geschlagen. Also bin ich gerannt. Ich bin einfach gerannt.“

Matthew sah zu, wie sie innerlich zerbrach. Er fand keine tröstenden Worte. Er tröstete sie nicht.

Stattdessen griff er in seinen Mantel, zog eine dicke Wolldecke heraus und warf sie ihr auf den Schoß.

„Trockne dich ab“, sagte er kühl. „Es ist eine lange Fahrt, und ich dulde kein Blut oder Tränen auf meinen Polstermöbeln.“

Die Worte waren hart, aber die Decke war warm.

Elena schlang den Wollpullover fest um ihre zitternden Schultern und vergrub ihr Gesicht darin. Der Wagen glitt lautlos und sanft durch den Regen und verschlang die Straße, während Seattle hinter ihnen in einem Nebel ferner Lichter verschwand.

Das Heiligtum des Teufels

Zwei Stunden später durchfuhr der Wagen riesige, sich von selbst öffnende Eisentore. Er fuhr eine private, an einer Klippe entlangführende Straße hinauf, gesäumt von hohen Kiefern, die im Sturm schwankten.

Ganz oben thronte ein massives, modernes Anwesen aus Glas, Stahl und dunklem Stein, das den Blick auf die unruhigen, schwarzen Gewässer des Puget Sound freigab.

Das Auto hielt unter einem überdachten Eingang. Ein großer, schweigsamer Fahrer in einem dunklen Anzug öffnete sofort Matthews Tür und hielt ihm einen Regenschirm hin.

Matthew ging hinaus, ohne auf Elena zu warten.